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Der Berliner Gropiusbau schaut auf das letzte Kapitel in Louise Bourgeois’ Karriere und präsentiert erfinderische und psychologisch aufgeladene Skulpturen aus Textilen

Fragmentieren und Wiedergutmachen



Louise Bourgeois war bereits 80 Jahre alt, als sie begann, einen vielfältigen Werkkorpus von Arbeiten zu entwickeln, die auf Stofflichem basieren. In einer Phase, die Mitte der 1990er Jahre begann und bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 andauerte, schuf sie eine Reihe erstaunlich erfinderischer und oft beklemmender Skulpturen aus Haushaltstextilien wie Kleidung, Bettwäsche, Frotteetüchern und Tapisseriestücken, die aus ihrem eigenen Hausstand und ihrer Vergangenheit stammten. Mit „The Woven Child“ – Das gewobene Kind – zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin die erste große Retrospektive der amerikanisch-französischen Bildhauerin, die sich ausschließlich mit ihrem textilen Werk beschäftigt. Dafür haben die Kuratorinnen Ralph Rugoff, Direktor der Londoner Hayward Gallery, und Julienne Lorz, ehemalige Hauptkuratorin des Gropiusbaus, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Collagen, Bücher und Drucke zusammengetragen.


Zwei dunkle, kopulierende Paare, lebensgroß, doch wurden sie ihrer Hände, Füße und Köpfe beraubt: „Couple III“ und „Couple IV“ aus dem Jahr 1997 gehören zu Bourgeois’ frühesten Textilskulpturen. Beide Arbeiten bestehen aus einem Paar schwarzer und in Missionarsstellung aufeinandergelegter Körper, die wie konservierte Präparate in hölzernen Vitrinen präsentiert werden. Die „weibliche“ Figur trägt eine Prothese – einen Arm aus Leder und Metall in „Couple III“ und eine lederne Oberschenkel-Schnürbandage sowie ein aus Kunststoff gefertigtes Bein mit Fuß in „Couple IV“. Prothesen, erklärte Bourgeois einmal, verwende sie als Metaphern für psychische Verletzungen oder Behinderungen.

Mit den subtilen Mechanismen der Mehrdeutigkeit und der Wahrnehmung jongliert Louise Bourgeois auch in „High Heels“ von 1998, die aus Kleidungsfragmenten in verschiedenen Grau- und Schwarztönen bestehen: eine kniende weibliche Figur ohne Arme in verdrehter Körperhaltung, die ihren ausdruckslosen Kopf nach vorne schiebt. Die durch grobe Stiche zusammengehaltenen Beine stecken in einem Paar stählerner Schuhe mit hohen Absätzen – eine brutal-satirische Verquickung von Mode, Sex und Erniedrigung. Die dezidiert herabwürdigende Darstellung einer weiblichen Figur lenkt die Aufmerksamkeit und das Begehren auf bestimmte Körperteile und forciert somit die Fragmentierung des lebendigen Körpers.

Körperteile in unvollständiger und amputierter Form schuf Bourgeois in zahlreichen Skulpturen mit Kleidungsstücken und Textilien. In einer Vitrine aus Holz und Glas eingeschlossen, erweist sich „Untitled“ von 1996 als gestutzter Torso mit gebogenem Rücken; diese Haltung erkundete Bourgeois in mehreren Arbeiten. Aus lose zusammengenähten schwarzen und weißen Stoffschichten, deren Lückenhaftigkeit an manchen Stellen das Innenfutter hervortreten lässt, gestaltete Louise Bourgeois eine fragmentierte Körperform, die den Eindruck einer physischen Spannung vermittelt, als wäre sie von einem starken inneren Druck durchzogen. Die zusammengestückelte Form scheint einen voyeuristischen Blick sowohl zu implizieren, als auch zu unterwandern. Zugleich motiviert die Verwendung vertrauter textiler Materialien die Vorstellung haptischer Wahrnehmung und taktiler Assoziation, die die Begegnung über eine rein visuelle Auseinandersetzung hinaus erweitert.

Bereits in den 1960er Jahren hatte Louise Bourgeois eine Reihe von Skulpturen geschaffen, die männliche und weibliche Genitalien und Körperteile verschmelzen und mehrdeutige zusammengesetzte Formen präsentieren, die sich simplen Zuordnungen entziehen. Einige ihrer späteren Textilarbeiten machen sich eine ähnlich hybridisierende Strategie zunutze. „Cell XXI (Portrait)“ von 2000 ist eine aus rosafarbenem und weißem Stoff zusammengenähte Struktur, die nicht nur als Hinweis auf männliche und weibliche Genitalien interpretiert werden kann, sondern auch als ein Paar Brüste, umgedrehte Gesichtszüge oder eine abstrakte Landschaft. Die hier forcierte Unbestimmtheit geht über das einfache Kombinieren von „Gegenteilen“ hinaus, indem Bourgeois die Betrachter*innen in einen Zustand des Gleitens von einer Assoziation zur häufig nicht miteinander in Beziehung stehenden anderen veranlasst und durch die Verwendung weicher, flauschiger Materialien Erinnerungen an selbst erlebte Momente der Berührung motiviert.

Die Neigung zum Werkmaterial Stoff ist Teil der Biografie von Louise Bourgeois. Ihre Eltern hatten im 6. Arrondissement in Paris eine Galerie für Tapisserien des Mittelalters und der Renaissance. Kleidung, Spitzen, Taschentücher, Haushaltsgegenstände wie Nadeln, Fäden und Garne waren für Bourgeois Andenken an Orte und Menschen. Die Künstlerin, die zunächst in Paris an der Sorbonne Mathematik, dann an der Louvre-Akademie Malerei studierte, 1938 mit ihrem amerikanischen Mann nach New York ging, drei Söhne großzog und erst im hohen Alter zur Kunst fand, formte mit ihren Werken Verkörperungen verborgener und verdrängter Gefühle, biografischer und erotischer Obsessionen und traumatischer Erinnerungen. „Wenn du nicht damit fertigt wirst, deine Vergangenheit loszuwerden, dann wirst du sie erneut schaffen“, warnte sie sich vor allem selbst. Bourgeois’ Entschluss, mit ihrer Kleidung und Haushaltstextilien Kunstwerke zu verfertigen, war ein Mittel, die Vergangenheit sowohl zu verwandeln als auch zu bewahren. Die Tätigkeiten, die sie zur Herstellung ihrer Arbeiten nutzte – Schneiden, Reißen, Nähen, Zusammenfügen – betrachtete sie aus psychologischer und metaphorischer Perspektive und brachte sie mit Reparatur beziehungsweise Wiedergutmachung in Verbindung sowie mit Traumata, die aus Trennungen und dem Verlassenwerden resultieren.

In ihren späten textilen Arbeiten erkundete Louise Bourgeois einerseits Motive und Anliegen aus früheren Werkgruppen – Sexualität, familiäre Traumata, die Ambivalenz zwischenmenschlicher Beziehungen –, formulierte Gestalt und Gesicht jedoch stärker aus und bediente sich eines umfassenden und zuweilen emotionalen Registers, was teils auf ihren persönlichen Charakter und auf die Weichheit der Textilien zurückzuführen ist. 1998 begann Bourgeois im Alter von 86 Jahren mit der Arbeit an einer Serie von Textilköpfen, eine angesichts der zahlreichen kopflosen Figuren und des verstärkten Fokus auf einzelne Körperteile in ihren Textilskulpturen zunächst überraschende Entwicklung. Ihre Textilköpfe portraitieren weniger bestimmte Individuen, als dass sie verschiedene, häufig ambivalente und emotionale Zustände vermitteln. Meistens haben sie kein klar identifizierbares Geschlecht und bestehen aus unregelmäßig geschnittenen, scheinbar unbeholfen zusammengenähten Stoffstücken und asymmetrischen Bestandteilen eines Gesichts, wie zu maskenhaften Hüllen zusammengestückelt.

Von 2005 bis 2010 schuf Bourgeois eine wichtige Werkgruppe, die sich in vielfacher Hinsicht von all ihren früheren Arbeiten unterscheidet. Jede der vier Skulpturen dieser Serie arrangierte Bourgeois zusammen mit anderen Kunstwerken in großen hölzernen Vitrinen und stellte so rätselhafte Beziehungen zwischen ihnen her. Die mehrteiligen Installationen umfassen abstrakte Beispiele aus Bourgeois skulpturalem Œuvre, die nur indirekte anthropomorphe Züge aufweisen. Zwei dieser Vitrinen enthalten Arbeiten aus ihrer Serie textiler „Türme“ – schmale Stapel fein säuberlich gefertigter Textilziegel oder –rauten. In zwei der großen Vitrinen finden sich zudem Ansammlungen von sackförmigen, entweder zusammengefallenen oder ausgestopften Objekten, mittels derer sie ihre in den frühen 1990er Jahren begonnene Untersuchung des metaphorischen Möglichkeitsraums behältnisähnlicher Objekte fortsetzte. Ein dritter Skulpturentypus findet sich in allen vier Werken: ein stählerner Baum, auf dessen ausgestreckten Armen Garnspulen montiert sind. Im Todesjahr der Künstlerin 2010 entstanden, verbindet „Untitled“ eine Variante des Spulenbaums mit einem Edelstahltisch, auf dem ein kissenähnlicher Torso ruht. Fließende Assoziationsketten, gepaart mit der Vermischung von weichen Textilien und hartem Stahl sowie körperlichen und abstrakten Elementen generieren zahlreiche metaphorische Bezüge.

Dem mit Worten nur unzulänglich Darstellbaren gibt Louise Bourgeois mit ihrer Kunst eine konkrete Form und lässt die Betrachter*innen an körperlichen und seelischen Erfahrungen teilhaben. Diese thematischen Fäden werden vielleicht nirgends offensichtlicher als in den späten Textilarbeiten, die ihre Beziehung zu ihrer Mutter, ihr Erleben der Verletzlichkeit und des Alterns sowie ihre Haltung und Nähe zu Materialien, Prozessen, Werkzeugen und Techniken erkunden. Ihre Meisterschaft – und das vermag die Ausstellung im Gropius Bau auf großartige Weise zu vermitteln – begründet sich jedoch vor allem in dem Vermögen, mit ihrer Schwellenästhetik nicht nur unsere Augen als vielmehr die eigenen Erinnerungen anzuregen, die mit unserem intimsten Sinn, dem Tastsinn, verbunden sind. Ein Memento, das auch all dessen gedenkt, das nicht erinnert oder wieder wachgerufen werden kann, das neue Gedanken- und Gefühlswege eröffnet. In einer Schaffensphase, die sicherlich eines der umfangreichsten Spätwerke der Kunstgeschichte hervorbrachte, schuf Louise Bourgeois mit Textilien eine letzte Werkgruppe, die sich erneut mit lebenslangen Fragen um destabilisierende Grenzen, mehrdeutige Sexualitäten, sich verschiebende Register von Bedeutungen und nicht-binäre Identitäten auseinandersetzt. Ihre Arbeiten wirken heute ebenso verblüffend und kühn wie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung und fordern mit Fragen heraus, die aktueller und dringlicher denn je erscheinen.

Die Ausstellung „Louise Bourgeois: The Woven Child“ ist bis zum 23. Oktober zu sehen. Der Gropiusbau hat täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro. Der Katalog aus dem Hatje Cantz Verlag kostet im Gropiusbau 34 Euro.

Kontakt:

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstraße 7

DE-10963 Berlin

Telefon:+49 (030) 25 48 60

Telefax:+49 (030) 25 48 61 07

Startseite: www.gropiusbau.de



02.10.2022

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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